Mehr als ein schmerzhafter Stich: Allergisch auf Insektengift

Wenn nach einem Insektenstich heftige Schwellungen rund um die Einstichstelle auftreten, es gar zu Übelkeit und Atemnot kommt, muss schnellstmöglich ein Arzt gerufen werden. Es droht eine gefährliche allergische Schockreaktion auf das Insektengift.

Mit kaum hörbarem Summen kündigt sich die erste Wespe an. Als kurze Zeit später bereits drei Wespen den frischen Pflaumenkuchen umkreisen, ist es vorbei mit der gemütlichen Kaffeerunde. Während ein Teil der Gesellschaft lautstark mahnt, die Ruhe zu bewahren, versuchen andere, die Störenfriede mit wildem Gefuchtel zu vertreiben. Der Rest flüchtet von der Terrasse ins angrenzende Wohnzimmer. Solche oder ähnliche Szenen hat wohl jeder schon erlebt.

Viele Menschen fürchten den Stich einer Wespe oder einer Biene. Aus gutem Grund: Wespen- und Bienenstiche sind unangenehm und schmerzhaft. Meist geht so ein Insektenstich allerdings glimpflich ab. Rund um die Einstichstelle kommt es zu Rötungen und Schwellungen, die nach einigen Tagen wieder abklingen. Hat jemand jedoch eine Allergie gegen das Insektengift entwickelt, kann der Körper mit heftigen Symptomen reagieren, bis hin zum lebensgefährlichen anaphylaktischen Schock.

Risiko anaphylaktischer Schock

Der anaphylaktische Schock ist die schwerste Form einer allergischen Reaktion. Die überzogene Abwehrmaßnahme des Immunsystems führt zu einer Weitstellung von Gefäßen. Es entsteht ein Missverhältnis zwischen Gefäßkapazität und tatsächlich zirkulierender Blutmenge. Der Organismus versucht dagegen anzusteuern:

  • Das Herz pumpt schneller, gleichzeitig werden die kleineren Gefäße verengt, sodass nur noch die lebenswichtigen Organe ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden
  • Die Durchblutung der Nieren, der Leber und des Darms wird reduziert
    Stellen schließlich die Nieren ihre Funktion ganz ein, kommt es zur Schockniere und es funktioniert letztlich nur noch ein Notkreislauf für Herz, Lunge und Gehirn
  • Ohne ärztliche Hilfe kann diese Reaktion schließlich zum Atem- und Herz-Kreislauf-Stillstand führen und somit tödlich enden

Reaktionen auf Insektenstiche

Anders als Mücken oder Fliegen, die den Menschen stechen, um an das für sie lebenswichtige menschliche Blut zu gelangen, stechen Bienen, Wespen, Hummeln oder Hornissen nur, wenn sie sich bedroht fühlen. Ihr Gift, das sie während des Stechens in die Haut spritzen, verursacht eine akute Entzündung: Rund um die Einstichstelle entwickelt sich als normale Abwehrreaktion des Körpers eine rote, schmerzhafte und juckende Quaddel.

Lebensbedrohlich kann so ein Stich in der Mund- oder Rachenregion sein, wenn die Luftröhre zuschwillt oder das Immunsystem des Gestochenen sensibilisiert ist und auf das Insektengift allergisch reagiert. In diesem Fall bildet sich nicht nur rund um die Einstichstelle eine rote, schmerzende Quaddel, sondern es zeigen sich nesselsuchtartige Hautausschläge und Schwellungen, es kommt zu Schweißausbrüchen, Schwindel, Zittern, Übelkeit, Erbrechen und Pulsrasen. Der Betroffene erlebt oft ein wachsendes Gefühl von Atemnot und Panik. All diese Symptome können innerhalb von Sekunden oder wenigen Minuten nach einem Stich auftreten.

Insektengiftallergie

Im Vergleich zur Pollen- oder Hausstaub allergie sind Insektengiftallergien sehr viel seltener. Etwa 0,8 bis 5 Prozent aller Gestochenen reagieren stark allergisch. Für diese Menschen kann ihre Allergie zu einer tödlichen Gefahr werden.

Sie werden vom Immunsystem als fremd erkannt und gefährlich eingestuft, sodass zur Abwehr dieser Eiweißstoffe überschießend viele Antikörper produziert werden. Diese spezifischen Antikörper setzen sich an der Oberfläche sogenannter Mastzellen fest und können künftig das Insektengiftallergen erkennen. Damit hat sich der Körper auf einen erneuten Kontakt vorbereitet, man sagt, er ist sensibilisiert. Beim nächs ten Insektenstich docken die eingedrungenen Eiweißstoffe an die Antikörper auf der Mastzelle an. Diese Bindung wirkt auf die Mastzelle wie ein Signal. Sie schüttet ver stärkt Botenstoffe aus, die nun eine Reaktionskette in Gang setzen.

Einer der Botenstoffe ist Histamin, das für viele der typischen allergischen Symptome verantwortlich ist: Die Blutgefäße weiten sich, wodurch die Haut- rötung, die Quaddelbildung und der Blutdruckabfall ausgelöst werden, die Muskulatur in den Bronchien zieht sich zusammen und es kommt zu Atembeschwerden, die Adrenalinausschüttung wird gefördert, was sich unter anderem in Herzklopfen äußert. Außerdem wirkt Histamin direkt an den Nervenenden, was Schmerz und Juckreiz hervorruft.

Ein Bienen- oder Wespenstich im Mund- und Rachenraum kann gefährlich werden. Beim Trinken und Essen im Freien ist des- halb größte Vorsicht geboten. Ideal nicht nur für Kinder: Getränke in durchsichtige, mit Deckel verschließbare Gefäße umfül- len und lieber mit Strohhalm trinken. In Deutschland ist in erster Linie das Gift von Honigbienen und Faltenwespen für allergische Reaktionen verantwortlich. Es handelt sich dabei um eine allergische Reaktion vom Soforttyp (Typ-1-Reaktion). Das heißt, bestimmte Eiweißsubstanzen, die im Insektengift enthalten sind, wirken als Allergene.

Wer ist gefährdet?

Ob jemand allergisch reagiert oder nicht, lässt sich nicht vorhersagen. Jeder kann eine Allergie entwickeln. Für eine Sensibilisierung reicht ein einziger Stich aus. Die Sensibilisierung kann lebenslang anhalten, ohne dass irgendwelche Symptome auftreten. Es gibt aber auch Menschen, die mehrfach ohne nennenswerte Folgen gestochen wurden, und dann plötzlich löst ein einziger weiterer Stich eine allergische Reaktion aus.

Wer nicht ganz sicher ist, ob und in welchem Ausmaß eine Sensibilisierung vorliegt, sollte einen Allergietest durchführen lassen. Die für die Diagnose wichtigen Hauttests werden grundsätzlich mit Bienen- und Wespengift durchgeführt. Die Testung erfolgt frühestens zwei Wochen nach dem letzten Insektenstich. Dabei spritzt oder ritzt der Arzt in ansteigenden Konzentrationen das jeweilige Insektengift in die Haut, bis es zu einer eindeutigen allergischen Sofortreaktion kommt. Diese Tests müssen sehr kontrolliert durchgeführt werden, da es immer auch zu einem allergischen Schock kommen kann. Zusätzlich können im Patientenblut die spezifischen Antikörper gegen das Insektengift untersucht werden. Beide Testverfahren zusammen ermöglichen eine recht zuverlässige Aussage darüber, ob jemand allergisch ist oder nicht.

Verhaltensregeln für Insektengiftallergiker

  • Vermeiden Sie rasche, hektische Bewegungen, wenn eine Biene oder Wespe Sie umschwirrt.
  • Verzehren Sie möglichst keine süßen Speisen oder Getränke im Freien.
  • Gehen Sie möglichst nicht in die Nähe von blühenden Blumen oder Bäumen. Vorsicht beim Blumen- und Obstpflücken.
  • Verwenden Sie keine stark duftenden Kosmetika.
  • Wenn Sie weite, luftige Kleidung tragen, achten Sie darauf, dass kein Insekt zwischen die Kleidung gelangen kann.
  • Bei Sport und körperlicher Arbeit im Freien ist Vorsicht geboten. Schweiß lockt Insekten an.
  • Laufen Sie nicht barfuß und tragen Sie möglichst keine offenen Schuhe. Viele Wespen leben am Boden.
  • Nehmen Sie in den Sommermonaten immer Ihre Notfallmedikamente mit.
  • Wenn Sie trotzdem gestochen worden sind, suchen Sie schnellstmöglich einen Arzt auf.

Behandlung

Die Behandlung einer Insektenstichallergie ist langfristig. In der Akuttherapie, wenige Minuten, nachdem der Allergiker gestochen wurde, geht es darum, einen möglichen anaphylaktischen Schock zu verhindern. Wichtig ist, dass der Betroffene genau beobachtet wird und selbst auch weiß, wie er mögliche Reaktionen einzuordnen hat. Sobald er ein Brennen und Jucken an Handflächen und Fußsohlen sowie im Rachenraum und an der Zunge verspürt, muss sofort ein Arzt gerufen werden. Der Arzt wird, je nach Schweregrad der Reaktion, sofort Medikamente einsetzen.

Notfallkoffer

Insektengiftallergiker sollten im Sommer ein Notfallset bei sich haben, das ein Kortikosteroid, ein Antihistaminikum sowie Adrenalin zur Selbstinjektion (Fast-Jet) enthält. Vorab sollte man sich mit der Anwendung vertraut machen und regelmäßig die Haltbarkeit der Medikamente prüfen.

Bleibt die Reaktion auf die Haut beschränkt, das heißt, kommt es zu stark juckenden Hautrötungen und Schwellungen, spricht man von einer Reaktion ersten Grades. Hier reicht meist die Gabe eines Antihistaminikums, das die Wirkung des Histamins hemmt. Bei einer Reaktion vom Grad zwei, wenn neben den beschriebenen Hautreaktionen auch noch Übelkeit, Erbrechen, Nasenbluten, Atemnot oder Herzklopfen hinzukommen, wird meist Kortison gespritzt, um einem Blutdruckabfall vorzubeugen.

Treten asthmaartige Anfälle auf und verfärbt sich die Haut leicht bläulich, handelt es sich bereits um eine schwere Schockreaktion vom Grad drei. Jetzt wird die Behandlung in der Regel durch die Gabe von Adrenalin ergänzt. Der Grad vier kommt glücklicherweise sehr selten vor, doch tritt tatsächlich Atemstillstand und Kreislaufversagen ein, hilft möglicherweise nur noch künstliche Beatmung oder Herzmassage, und selbst diese sind leider nicht immer erfolgreich. In Deutschland sterben Jahr für Jahr zwischen zehn und zwanzig Menschen an den Folgen einer Insektengiftallergie.

Risiko reduzieren

Aufgrund des hohen Risikopotenzials haben die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und Immunologie (DGAI) und der Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA) gemeinsame Leitlinien herausgegeben, die den therapeutischen Umgang mit einer Insektengiftallergie regeln sollen. Wichtig dabei ist die eingehende Information und Aufklärung der Patienten zur Vermeidung neuerlicher Stiche, aber auch eine Unterweisung, was im Falle eines Stiches zu tun ist. Insektengiftallergiker sollten ein Notfallset mit sich führen und mit dem Umgang der darin enthaltenen Medikamente vertraut sein.

  • Bei Kindern, bei denen die Reaktion auf einen Insektenstich ausschließlich auf die Haut beschränkt blieb, kann auf eine Hy- posensibilisierung verzichtet werden, da erfahrungsgemäß bei neuerlichem Stich schwere Reaktionen eher unwahrschein- lich sind. Darüber hinaus empfehlen die Experten, bei allen Patienten, bei denen nach einem Insektenstich schwere Reaktionen aufgetreten sind und die Diagnostik eine Allergie gegen Insektengift bestätigt hat, eine Hyposensibilisierung durchzuführen.

Die Hyposensibilisierung soll dazu führen, dass sich das Immunsystem nach und nach an das Insektengift gewöhnt und keine übertriebene Abwehrreaktion mehr startet. Dazu wird dem Patienten das entsprechende Insektengift in geringen, langsam steigenden Dosen gespritzt. In der ersten Behandlungsphase wird eine stationäre Überwachung des Patienten in einer Klinik empfohlen, um mögliche anaphylaktische Reaktionen schnell behandeln zu können. Während dieser Grundbehandlung, die nach etwa fünf Tagen abgeschlossen ist, bekommt der Patient mehrmals täglich eine wohldosierte Spritze mit Insektengift. Bei der anschließenden Behandlung, der sogenannten Erhaltungsphase, wird der Zeitraum zwischen den Injektionen langsam von einer über zwei und drei auf vier Wochen ausgedehnt.

Insgesamt dauert die Behandlung mindestens drei bis fünf Jahre. Bei der Mehrzahl der Patienten wird die Ausdauer einer so langwierigen Therapie von Erfolg gekrönt. Eine englische Studie hat gezeigt, dass 95 Prozent der Patienten mit einer Insektengiftallergie nach einer Hyposensibilisierung keine anaphylaktischen Reaktionen auf das Insektengift mehr entwickeln. All diese Patienten können künftig deutlich entspannter Kaffee und Kuchen auf der Terrasse genießen.