Durchatmen an Nord- und Ostsee: Reizklimatherapie

“Gleich einem elektrischen Schlage erregen die Kälte und der Wellenschlag anfangs eine Erschütterung des ganzen Menschen, der bald ein Gleichgewicht und die größte Harmonie aller Kräfte folgt, woraus ein sinnliches und geistiges Wohlbehagen zu entstehen pflegt. Der Atem wird frei und leicht, mit jedem Zuge desselben fließt neues Leben dem Blute zu. Hunger und Durst stellen sich öfter und stärker ein, die Verdauung geht rascher voran.”

So beschrieb 1821 Dr. Johann Ludwig Chemnitz, der erste Badearzt der Nordseeinsel Wangerooge, die positive Wirkung des Klimas und der See auf unsere Gesundheit. Wie viele seiner Kollegen empfahl er, den wohltuenden Effekt einer Klimaveränderung therapeutisch zu nutzen.

Wirkung von Klima auf Gesundheit und Wohlbefinden

Dass bestimmte Wetter- und Klimalagen nicht nur unsere Stimmung, sondern auch unser körperliches Wohlbefinden beeinflussen, weiß jeder aus eigener Erfahrung.

Bei folgenden Erkrankungen ist eine Reizklimatherapie sinnvoll

Krankheiten der Atemwege

  • Nasenschleimhauterkrankungen (Rhinitis)
  • Nasennebenhöhlenentzündung
  • wiederkehrende Mandelentzündung
  • Kehlkopfentzündungen
  • Pseudokrupp
  • Keuchhusten
  • Bronchialschleimhautentzündung
  • Bronchialasthma

Hauterkrankungen

  • Neurodermitis
  • Psoriasis
  • Akne juvenilis

Charakteristisch für das Klima der Küstengebiete und Inseln ist eine spezielle Kombination aus Schon- und Reizfaktoren. Im Vergleich zum Binnenland ist die Luft reiner und weniger allergenbelastet und es treten hier deutlich geringere Schwankungen von Lufttemperatur und -feuchte im Tages- und Jahresverlauf auf. Im Durchschnitt sind die Temperaturen allerdings niedriger und der Wind bläst heftiger.

Bei längerem Aufenthalt an der See muss sich der Organismus den Klimareizen anpassen. Dadurch entsteht ein Trainings- und Abhärtungseffekt. Nur bei falscher Dosierung, etwa zu großer Intensität des Reizes oder zu langer Expositionszeit, können die Reizfaktoren belastend wirken.

Während vor 200 Jahren die Klimatherapie hauptsächlich auf Erfahrungswerten basierte, kann man heute die Wirkweise der einzelnen Klimafaktoren auf unseren Organismus genauer erklären.

Der thermisch-hygrische Wirkungskomplex

Der thermisch-hygrische Wirkungskomplex beschreibt alles, was den Wärmehaushalt des Menschen beeinflusst, also Lufttemperatur, Luftfeuchte, Wärmestrahlung und Wind. Die gesundheitliche Bedeutung dieser Faktoren hängt mit der engen Verknüpfung der Wärme- und Kreislaufregulation zusammen. Durch Abkühlungsreize, beispielsweise Bewegung an der frischen Luft oder kühle Seebäder, wird die Wärmeregulation trainiert. Bei Kälteeinwirkung muss der Körper schnellstmöglich Wärme bilden. Dies gelingt unter anderem über das Blutgefäßsystem der Haut. Bei Kältereizen verengen sich die Gefäße. Dadurch wird die Durchblutung der Haut gedrosselt und der Wärmeaustausch und -verlust über die Haut reduziert. Die Hauttemperatur sinkt dabei ab, aber die Kerntemperatur des Körpers bleibt nahezu erhalten. Die Abhärtung führt dazu, dass der Organismus lernt, schneller auf die thermischen Reize zu reagieren.

Klimafaktoren, die unsere Gesundheit beeinflussen

Belastungsfaktoren (häufig in Ebenen, Flusstälern, städtisch-industriellen Ballungsräumen)

  • Wärmebelastung durch geringe Windbewegung und hohe Lufttemperatur
  • Behinderung der UV-Strahlung durch niedrige Wolken oder Nebel
  • mit Schadstoffen angereicherte Luft
  • beständige Wetterlagen, stehende Luft, Nasskälte

Schonfaktoren (in mittleren bis hohen Lagen waldreicher Mittelgebirge und Alpen)

  • thermisch ausgeglichene Bedingungen ohne starke Schwankungen von Lufttemperatur und Luftfeuchte
  • leicht erhöhtes Strahlungsangebot mit Schattenmöglichkeiten durch Wald
  • reine Luft
  • Allergenarmut

Reizfaktoren (Küstenregionen und Inseln der Nordund Ostsee, an der Nordsee stärker ausgeprägt)

  • niedrige Temperaturen
  • häufig frische und böige Winde
  • direkte Sonneneinwirkung ohne Staubbehinderung der Luft mit relativ hohen UV-A-Anteilen
  • schnelle Wechsel der Wettersituation

Weitere positive Effekte machen sich bei Haut- und Atemwegserkrankungen bemerkbar. Patienten mit Neurodermitis haben eine gestörte Hautdurchblutung, die sich dank der Klimareize normalisieren kann. Zusätzlich lindert die Kühle den Juckreiz der neurodermitiskranken oder entzündeten Haut. Gelingt es, den Juck-Kratz-Kreislauf zu durchbrechen, hat die Haut Gelegenheit zu regenerieren.

Bei Atemwegspatienten führt die frische, kühle Luft zu einer tieferen Atmung. Das Einatmen durch die Nase lässt Nasenschleimhäute abschwellen.

Der chemische Wirkungskomplex

Die reine Luft an der See und das maritime Aerosol werden zum chemischen Wirkungskomplex gezählt. Durch das Brechen der Wellenkämme und den Wind gelangen winzige salzhaltige Meerwassertröpfchen in die Luft. Der hohe Gehalt an Salz, Jod, Magnesium und Spurenelementen in der Luft regt die Immunreaktion der Haut und der Atemwege an. Ein Teil des Salzes schlägt sich schnell wieder nieder und hinterlässt den typischen Salzfilm. Bei Strandwanderungen in der Brandungsluft bleiben fast zwei Gramm Meersalz auf der Haut haften. Dies hat einen hautglättenden und schuppenlösenden Effekt, wovon insbesondere Patienten mit Schuppenflechte profitieren. Zudem eignet sich die Meerwasser- und Meerlufttherapie als ergänzende Maßnahme für die Behandlung von Akne. Der Salzfilm auf der feuchten Haut löst die Verhornung an den Ausführungsgängen der Talgdrüsen und trägt so zum Heilungsprozess bei.

Das maritime Aerosol tut jedoch nicht nur der Haut gut, es wird auch eingeatmet und damit zu einem wichtigen Heilfaktor für verschiedene Atemwegserkrankungen. Die größeren Tröpfchen verbleiben in den oberen Atemwegen, dem Nasen- und Rachenraum, während die feinen Tröpfchen bis in die unteren Atemwege der Luftröhre, Bronchien und kleineren Bronchialverzweigungen vordringen. Auf allen Schleimhautabschnitten der Atemwege wirkt das maritime Aerosol schleimlösend.

Bewegung in der Brandungszone wirkt wohltuend auf die Atemwege. Der positive Effekt kann durch bewusst langsames, tiefes Atmen verstärkt werden.

Der aktinische Wirkungskomplex

Der aktinische Wirkungskomplex beruht auf den Effekten der Sonnenstrahlung, die vom infraroten über den sichtbaren bis zum UV-Bereich reicht. Hier kennt man sowohl die positiven als auch die schädigenden Einflüsse: Infrarotstrahlung fördert die Durchblutung, sichtbares Licht beeinflusst Hormonhaushalt und Psyche, die UV-Strahlung sorgt für Hautbräunung und Vitamin- D3-Synthese, führt aber auch zu Schädigung von Hautzellen und Sonnenbrand.

Ganzjährige Reizklimatherapie

Grundsätzlich muss eine Reizklimatherapie behutsam durchgeführt werden. Das bedeutet, die Klimaanpassung und Abhärtung erfolgt unter ärztlicher Kontrolle stufenweise mit zunächst kürzeren Aufenthalten im Freien, die langsam gesteigert werden. Hinzu kommen weitere, individuell auf das Krankheitsbild abgestimmte Therapiemaßnahmen. An Nord- und Ostsee finden Patienten mit Haut- und Atemwegserkrankungen zahlreiche Fachkliniken, die eine Reizklimatherapie durchführen. Empfohlen wird eine Therapiedauer von insgesamt drei bis vier Wochen, damit Körper und Seele sich auch wirklich umstellen können. Anschließend ist der Erfolg meist sehr groß: Die Patienten sind insgesamt stabiler, könne Infekte leichter abwehren, haben besseren Appetit und brauchen weniger Medikamente.