Allergengemeinschaften: Die Kreuzallergie

Viele Pollenallergiker reagieren auf bestimmte Nahrungsmittel mit allergischen Symptomen wie Juckreiz und Brennen von Mund und Rachen oder Schwellungen von Zunge und Lippen. So ist eine Beifußpollenallergie häufig mit einer Allergie gegen Sellerie, eine Birkenpollenallergie oft mit einer Allergie gegen Äpfel gekoppelt. Kreuzallergie nennt man dieses Phänomen, das während der Pollenflugzeit verstärkt auftreten kann.

  • Allergien gegen klassische Nahrungsmittelallergene, wie zum Beispiel Hühnerei, Kuhmilch und Fisch, finden sich eher im Säuglingsalter. Hier entsteht eine allergische Reaktion infolge einer Sensibilisierung im Magen-Darm-Trakt. Jugendliche und Erwachsene entwickeln eine Nahrungsmittelallergie zumeist infolge einer Kreuzreaktion, nachdem zuerst eine Sensibilisierung gegen ein Inhalationsallergen vorlag.
  • Das im Apfel enthaltene Protein Mal d 1 ist bei 65 bis 85 Prozent der Apfelallergiker für die allergische Reaktion verantwortlich. Kreuzreagierende Allergene zu Mal d 1 sind Bet v I (Birkenpollen), Aln g 1 (Erle), Cor a 1 (Hasel), Car b 1 (Hainbuche). Der Gehalt an Mal d 1 ist in den einzelnen Apfelsorten sehr unterschiedlich. So sind beispielsweise „Golden Delicious“ und „Granny Smith“ deutlich allergenreicher als zum Beispiel „Cox Orange“, „Goldparmäne“, „Boskop“ oder „Grafensteiner“.

Der erste Pollenalarm ist kaum verklungen und die Zeit der blühenden Bäume neigt sich dem Ende zu, schon starten Gräser, Getreide und Kräuter ihre Saison. Auf tränende Augen, Niesattacken und Schniefnase haben sich viele Pollenallergiker bereits eingestellt. Doch dass der Biss in den Apfel, das Naschen von Weintrauben oder der Genuss des mit Koriander verfeinerten asiatischen Currys ein starkes Kribbeln oder Schwellungen in Mund und Rachen auslöst oder zu Durchfällen führt, trifft viele unerwartet.

Es ist das Birkenpollenallergen Bet v 1, das den Genuss des Apfels verleidet. Das Immunsystem des Birkenpollenallergikers hat gegen dieses Birkenprotein spezielle IgE-Antikörper gebildet. Diese Antikörper erkennen bei jedem erneuten Kontakt das Protein anhand seiner spezifi schen Strukturen und lösen eine allergische Reaktion aus. Allerdings stecken in manchen Lebensmitteln Proteine, so zum Beispiel Mal d 1 in Äpfeln oder Api g 1.01 in Sellerie, die Bet v 1 chemisch so ähnlich sind, dass das Immunsystem einer Verwechslung erliegt: Die IgE-Antikörper, die ursprünglich gegen Bet v 1 gerichtet sind, binden auch an diese Nahrungsmittelproteine, so dass eine allergische Reaktion ausgelöst wird. Man spricht in diesen Fällen von kreuzreagierenden Allergenen oder einer Kreuzallergie.

Kreuzallergien

Tatsächlich kann man davon ausgehen, dass die Mehrzahl aller IgE-vermittelten Nahrungsmittelallergien auf eine Kreuzreaktion zurückzuführen ist. Zumeist erfolgt die Sensibilisierung durch Inhalationsallergene wie zum Beispiel Pollen. Es verwundert also nicht, dass parallel zum Anstieg der Pollen allergien auch die Häufi gkeit der pollenassoziierten Nahrungsmittelallergien zugenommen hat. Vor allem Baumpollen von Birke, Hasel oder Erle, allen voran das Birkenpollenallergen Bet v 1, sind Ursache für vermehrt auftretende Unverträglichkeiten auf Äpfel, Nüsse, Sellerie oder Karotten. Die Symptome sind neben Brennen, Kribbeln und Schwellungen im Mund- und Rachenraum Magen-Darm-Beschwerden, allergischer Schnupfen oder asthmatische Beschwerden. Vereinzelt kann es sogar zu anaphylaktischen Reaktionen kommen.

Seltener, aber dafür häufig heftiger in der Reaktion ist eine Kreuzsensibilisierung durch Beifußpollen. Man spricht hier auch vom Beifuß-Sellerie-Gewürz- Syndrom, womit schon deutlich wird, mit welchen Nahrungsmitteln Kreuzallergien auftreten können. Allerdings reagieren manche Beifußpollenallergiker auch nach dem Verzehr von Früchten wie Mangos, Weintrauben oder Litschis. In diesen Fällen ist häufig ein Eiweiß mit Namen Profi lin für die allergische Reaktion verantwortlich.

Profilin kommt in vielen verschiedenen Pflanzen vor, darunter auch Birken- und Beifußpollen, Sellerie, Karotten, Litschis, Tomaten oder Erdnüsse. Gräser, die vielen Pollenallergikern stark zu schaffen machen, spielen als Auslöser von Nahrungsmittelallergien eine eher untergeordnete Rolle. Gelegentlich werden Kreuzreaktionen mit Mehl, Kleie und in Südeuropa auch mit Tomaten beobachtet.

Doch nicht nur zwischen Pollen- und Nahrungsmittelallergenen gibt es einen Zusammenhang. Mit Zunahme der Latexallergien stießen Ärzte auf das Latex-Frucht-Syndrom, ein auffällig häufiges Zusammentreffen von Latexallergien und Allergien auf Avocado, Banane, Kiwi und Ananas. Weitere bekannte Kreuzallergien sind das Milben-Schalentier-Syndrom, eine Verbindung zwischen Hausstaubmilben und Garnelen, Hummern, Langusten, Krebsen und Schnecken, sowie das Vogel-Ei-Syndrom, bei dem Allergene von Vogelfedern zu einer Unverträglichkeit von Eidotter führen.

Allergenfamilien

Bislang sind längst noch nicht alle kreuzreagierenden Allergene identifiziert. Häufig führt die Auswertung von Statistiken über das gleichzeitige Auftreten mehrerer Allergien auf die richtige Spur. Außerdem weiß man inzwischen, dass Pflanzen aus denselben botanischen Familien auch ähnliche kreuzreagierende Allergene besitzen. Sellerie wie auch Karotten gehören zu den Doldengewächsen, ebenso wie die kreuzreagierenden Fenchel, Dill, Anis, Kümmel und Koriander. Beifuß als wichtigstes Allergen aus der Familie der Korbblütler zeigt Kreuzreaktionen mit Löwenzahn und Margeriten, Estragon und Artischocken und auch mit den nah verwandten Nachtschattengewächsen wie Kartoffel, Paprika, Chilipfeffer und Tomaten.

Diagnose

Für Ärzte sind die Erkenntnisse über Kreuzallergien eine wichtige Hilfe, um die richtige Diagnose zu stellen. Ob eine Sensibilisierung gegen die in Frage kommenden Pollen vorliegt, lässt sich im Hauttest recht zuverlässig bestimmen. Ein positiver Test sagt jedoch wenig darüber aus, ob und in welcher Ausprägung damit eine Nahrungsmittelunverträglichkeit verbunden ist. Denn eine Sensibilisierung auf kreuzreagierende Pollenallergene ist sehr viel häufiger als eine tatsächliche Kreuzallergie.

Der Pricktest (englisch: prick = Einstich) zeigt, ob eine Sensibilisierung gegenüber Allergenen (z. B. Pollen oder Tierhaare) vorliegt. Das definierte Allergenextrakt wird auf die Haut aufgetropft und anschließend mit einer Lanzette leicht angestochen, so dass die jeweiligen Substanzen in die Oberhaut eindringen. Um Nahrungsmittel auszutesten, wird der Prick-to-Prick-Test angewandt. Hierbei wird zuerst in das Lebensmittel gestochen und dann in die Haut des Patienten.

Umgekehrt kann auch der Test auf die Pollen stumm bleiben, eine Testung der kreuzreagierenden Nahrungsmittelallergene aber sehr wohl Symptome zeigen. In den Leitlinien der Arbeitsgruppe Nahrungsmittelallergie der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie und des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen wird deshalb empfohlen, gegebenenfalls ergänzend eine Hauttestung mit frischen Nahrungsmitteln durchzuführen. Dabei hat sich der Prick-to-Prick-Test bewährt. Die Pricklanzette wird in das zu testende Nahrungsmittel gestochen und anschließend in die Haut des Patienten. Bei uneindeutiger Diagnose kann darüber hinaus eine orale Provokation, bei der eine allergenhaltige Trinklösung mehrere Minuten im Mund belassen und anschließend ausgespuckt wird, sinnvoll sein.

Therapie

Die therapeutischen Möglichkeiten bei nahrungsmittelbedingten Allergien sind begrenzt. In den meisten Fällen wird dem Patienten empfohlen, abhängig vom Ausmaß der Symptome, auf das allergieauslösende Nahrungsmittel zu verzichten. Eine Diät sollte allerdings mit einem Arzt besprochen werden, damit eine gesunde und ausgewogene Ernährung gewährleistet bleibt. Hilfreich ist es, ein kombiniertes Beschwerde-, Ernährungs- und Pollentagebuch zu führen, so dass man einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Symptomen und Pollenflugdaten herstellen kann.

So lassen sich Ernährungseinschränkungen begrenzen. Häufig reicht es aus, nur während der Pollenflugsaison auf das kreuzallergene Nahrungsmittel zu verzichten. Außerdem wird gegartes Gemüse oder Obst von vielen Allergikern besser vertragen, da die Allergene vorwiegend hitzeinstabil sind. Dies trifft allerdings für einige Gewürze und insbesondere Sellerie nicht zu.

Bei Patienten mit einer birkenpollenassoziierten Nahrungsmittelallergie kann möglicherweise eine spezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung) mit Birkenpollen eine Besserung der Symptome bewirken.

Häufige Kreuzreaktionen zwischen inhalativen Allergenen und Nahrungsmitteln

Baumpollen, insbesondere von Birke, Hasel, Erle
(Birkenpollen-Obst- Gemüse-Syndrom)
Obst Apfel, Aprikose, Kirsche, Kiwi, Nektarine, Pfirsich, Pflaume, Haselnuss, Walnuss
Gemüse Fenchel, Karotte, Kartoffel, Sellerie
Gewürze Anis, Basilikum, Dill, Koriander, Kümmel, Liebstöckel, Majoran, Oregano, Thymian
Beifußpollen
(Beifuß-Sellerie-
Gewürz-Syndrom)
Obst Avocado, Kiwi, Litschi, Mango, Melone, Weintraube
Gemüse Fenchel, Karotte, Sellerie, Tomate
Gewürze Anis, Basilikum, Chilipfeffer, Dill, Koriander,
Kümmel, Liebstöckel, Löwenzahn,
Thymian
Traubenkraut
(Radweed-Bananen-Melonen-Syndrom)
Obst Banane, Melone
Gewürze Curry
Naturlatex
(Latex-Frucht-Syndrom)
Obst Ananas, Avocado, Banane, Feige, Kiwi
Gemüse Kartoffel, Sellerie, Tomate

Seltene Kreuzallergien

Gräser- und
Getreidepollen
Getreide Mehle, Kleie
Gemüse Hülsenfrüchte, Tomaten
Vogelfedern, Vogelkot
(Vogel-Ei-Syndrom)
Ei, Geflügelfleisch, Innereien
Hausstaubmilbe
(Milben-Schalentier-Syndrom)
Garnelen, Hummer, Krabben, Krebse,
Langusten, Muscheln, Schnecken,
Shrimps