Pollenflug

Wie sich die Bilder jedes Jahr gleichen: Sobald der erste Pollen fliegt, greifen Millionen Menschen zum Taschentuch, denn Niesanfälle, Fließschnupfen und Augenjucken sind in den nächsten Wochen mal wieder an der Tagesordnung. Die Leidenszeit hat für einige Pollenallergiker bereits mit dem ersten Pollenflug von Erle und Hasel begonnen. Ab März ist dann abhängig vom Wetter und vom Standort mit Birkenpollen zu rechnen. Kaum endet die Baumpollensaison im Mai, fangen die Gräser und der Roggen an zu blühen.

Über zwölf Prozent der Bevölkerung reagieren allergisch und sind mehr oder weniger stark verschnupft, wenn ihre Pollen fliegen. Für viele von ihnen ist es ganz selbstverständlich, in der Pollenflugsaison die täglich aktualisierten Pollenflugvorhersagen abzurufen, die von verschiedenen Wetterdiensten erstellt werden. Diese Vorhersagen geben Allergikern die Möglichkeit, sich auf die zu erwartenden allergischen Symptome einzustellen und gegebenenfalls gezielt Medikamente zur Vorbeugung einzusetzen.

Um anhand der gemessenen Pollenbelastung Ausmaß und Schwere der drohenden Allergieattacke abzuschätzen, muss jeder Betroffene auf eigene Erfahrungswerte zurückgreifen. Denn jeder Patient hat einen eigenen „Schwellenwert“, da die Empfindlichkeit der Schleimhäute von Nase, Augen und Lungen unterschiedlich ausgeprägt und von verschiedenen Faktoren wie beispielsweise Atemwegsinfekten, Stäuben am Arbeitsplatz und Medikamenten beeinflusst wird. Daneben variieren diese Werte auch von Pollenart zu Pollenart: So lösen beispielsweise bereits zehn Pollen der Ambrosia plötzliche Nasenbeschwerden bei Erkrankten aus. Von der Hasel müssen deutlich mehr Pollen in der Luft fliegen, um die gleichen Symptome hervorzurufen.

Mehr als ein lästiger Schnupfen

  • Zurzeit leiden 15 bis 25 Prozent der erwachsenen Bundesbürger an einem allergischen Schnupfen. Eine Datenauswertung der International Study of Asthma and Allergies in Childhood (ISAAC) von 2006 hat ergeben, dass 6,9 Prozent der Sechs- bis Siebenjährigen und 15 Prozent der 13- bis 14-jährigen Jugendlichen an Heuschnupfen erkrankt sind.

Bei etwa der Hälfte der Heuschnupfenkranken sind Gräserpollen die Allergieauslöser. Allerdings gewinnen die früh blühenden Bäume zunehmend an allergologischer Bedeutung. So scheinen die Birkenpollen mit den Gräserpollen fast gleichgezogen zu haben.

Professor Claus Bachert, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI) warnt davor, einen allergischen Schnupfen auf die leichte Schulter zu nehmen: „Die typischen Symptome für Heuschnupfen sind eine geschwollene Nasenschleimhaut, gesteigerte Schleimproduktion und ein starker Juckreiz.“ Viele Betroffene tun diese Symptome allerdings als eine lästige Begleiterscheinung der Frühjahr- und Sommermonate ab. Etwa zwei Drittel der Allergiker gehen erst dann zum Arzt, wenn die Beschwerden unerträglich werden. Auch wenn die Pollenallergie im Volksmund gerne als Heuschnupfen bezeichnet wird: Sie ist kein harmloser Schnupfen, sondern eine ernstzunehmende Erkrankung, die frühzeitig behandelt werden muss. Beschränkt sich die allergische Entzündung auf Nase und Augen, ist sie noch relativ gut kontrollierbar. Greift die Entzündung jedoch auf die tieferen Atemwege über, kann es zu chronischen Atembeschwerden und irreversiblen Umbauvorgängen in den Bronchien und der Lunge kommen – einer von drei Allergikern entwickelt im Laufe seines Lebens Asthma.

Allergiediagnostik

Um nicht den gefürchteten Etagenwechsel der Entzündung von der oberen Etage der Nase in die untere Etage der Bronchien zu riskieren, sollte man frühzeitig einen Allergologen aufsuchen, wenn sich jedes Jahr pünktlich zum Pollenflug Schnupfensymptome einstellen und der Verdacht einer allergischen Reaktion naheliegt. Der Arzt kann anhand des Beschwerdebildes und des zeitlich abhängigen Auftretens der Symptome meist problemlos eine eindeutige Diagnose stellen.

Starker Pollenflug für 2020 erwartet

„2020 wird mit großer Wahrscheinlichkeit ein Jahr mit hohen Baumpollenkonzentrationen in der Außenluft sein“, erklärt Dr. Horst Müsken, Allergologe aus Bad Lippspringe und Vorstandsmitglied der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst. Da der Winter in diesem Jahr bislang einem frühen Pollenflug keine Chance ließ, ist davon auszugehen, dass – ähnlich wie 2019 – auch in diesem Jahr die Pollen etwa Ende Februar/Anfang März beginnend bis in bis in den April hinein von den Bäumen freigesetzt werden, zudem in erheblichen Mengen.

„Interessanterweise zeigt sich jetzt bereits über viele Jahre ein Rhythmus, wonach jedes Jahr mit einer geraden Zahl mit einem erheblichen Baumpollenflug verbunden ist, in den darauf folgenden ungeraden Jahren sind deutlich weniger Baumpollen in der Luft vorzufinden.“ Die genauen Gründe hierfür sind bislang unklar, im weitesten Sinne dürfte es sich jedoch um biologische Effekte handeln, die darauf beruhen, dass sich ein Baum nach einem Jahr der starken Pollenproduktion für das nächste Jahr „erholen“ muss.

Schwieriger ist es zu bestimmen, welche Pollen die Allergie auslösen. Hierbei ist es hilfreich, wenn die Betroffenen ein Allergietagebuch führen, in das sie die Art, die Schwere, die Tageszeit und die Dauer der Beschwerden eintragen. Außerdem sollten sie notieren, wo sie sich aufhalten, ob und welche Medikamente sie einnehmen und welche Nahrungsmittel auf dem Speiseplan stehen. So ist es unter Umständen möglich, Zusammenhänge herzustellen, und der Arzt kann dank der genauen Dokumentation bereits häufig das Allergen identifizieren.

Therapie

Die beste Allergietherapie ist das Allergen zu meiden – was im Falle fliegender Pollen schwer möglich ist. Es stehen jedoch verschiedene Medikamente zur Verfügung, die die Heuschnupfen-Symptome verbessern. Bei der medikamentösen Behandlung haben sich kortisonhaltige Nasensprays und Antihistaminika für die tägliche Einnahme bewährt. Bei den meisten Patienten ist eine langfristige Besserung mit einer spezifischen Immuntherapie möglich. Die Patienten erhalten – zumeist über einen Zeitraum von drei Jahren – regelmäßig Injektionen mit molekular standardisierten Allergenen. Als Folge reagiert das Immunsystem wieder weniger sensibel auf den Allergieauslöser.