Neurodermitis: Krankheitsbild und Behandlungsstrategien

In Deutschland leiden rund vier Millionen Menschen unter den immer wiederkehrenden entzündlichen Hautveränderungen, die von heftigem Juckreiz begleitet sind. Betroffen sind insbesondere Säuglinge und Kinder.

Die Neurodermitis ist eine der häufigsten chronischen Hauterkrankungen. In Deutschland leiden rund vier Millionen Menschen unter den immer wiederkehrenden entzündlichen Hautveränderungen, die von heftigem Juckreiz begleitet sind. Betroffen sind insbesondere Säuglinge und Kinder und eher Stadt- als Landbewohner.

Raue und trockene Haut mit immer wiederkehrenden Entzündungen, juckenden Ekzemen und Kratzattacken – für fast jedes zehnte Kind in Deutschland gehören diese Symptome zum Alltag. Die Betroffenen leiden unter Neurodermitis, einer chronisch-entzündlichen Hauterkrankung, deren genaue Ursachen bislang noch nicht vollständig verstanden sind.

  • Noch vor gut 60 Jahren zählte Neurodermitis zu den eher seltenen Erkrankungen, doch die Erkrankungsrate hat sich in den westlichen Industrieländern in den letzten Jahrzehnten nahezu vervierfacht.
  • Möglicherweise tragen veränderte Lebensumstände, das vermehrte Auftreten von Allergien, aber auch die verbesserte Hygiene dazu bei. So vermutet man, dass durch eine bessere Hygiene und die gesunkene Infektionshäufigkeit in der Kindheit das Immunsystem nicht mehr richtig geschult ist und verstärkt auf harmlose Umwelteinflüsse reagiert.

Erbliche Veranlagung

Auffallend ist, dass in vielen Familien mehrere Angehörige an Neurodermitis erkrankt sind. Neurodermitiker haben eine vererbte Ekzembereitschaft. Sie neigen zu einer trockenen Haut, da die Barrierefunktion ihrer Haut gestört ist. Gesunde Haut schützt vor äußeren Einfl üssen wie Kälte, Hitze und Verletzungen und verhindert außerdem die Austrocknung unseres Körpers. Ist – so wie bei Neurodermitikern – die Durchlässigkeit der Hautbarriere erhöht, so trocknet die Haut schneller aus und ist sehr viel empfi ndlicher für Hautirritationen und Reizungen.

Das Risiko für Neugeborene, eine Atopie zu entwickeln, hängt von der Atopievorbelastung in der Familie ab.

Hinzu kommt eine erblich bedingte Neigung des Immunsystems zu Überempfindlichkeitsreaktionen. Diese Veranlagung wird als Atopie bezeichnet. Neben der Neurodermitis, die häufig auch als atopische Dermatitis oder atopisches Ekzem bezeichnet wird, gehören das allergische Asthma, die allergische Rhinokonjunktivitis (Heuschnupfen) und Nahrungsmittelallergien zu den Erkrankungen des atopischen Formenkreises. Für diese Erkrankungen gilt: Das Erkrankungsrisiko steigt, wenn Eltern oder Geschwister Atopiker sind.

Die Rolle des Immunsystems

Die Ursachen für die Überempfindlichkeitsreaktion des Immunsystems, die zur Entwicklung einer Neurodermitis führen, sind bislang nicht in allen Einzelheiten bekannt. Doch man kennt die Mechanismen, die zu den typischen Symptomen der Haut und dem starken Juckreiz führen: Das Immunsystem, zuständig für die Abwehr von körperschädigenden Fremdstoffen, reagiert übertrieben heftig auf harmlose Substanzen wie z. B. Pollen, Tierhaare oder Bestandteile in Nahrungsmitteln. Bei Kontakt mit diesen Stoffen, die als Allergene bezeichnet werden, wird eine Vielzahl von Immunzellen aktiviert, die unter anderem Botenstoffe freisetzen und Entzündungsprozesse der Haut auslösen.

Krankheitsverlauf

  • Die Neurodermitis beginnt häufig im 2. oder 3. Lebensmonat. Beim Säugling sind vor allem die Wangen sowie der behaarte Kopf betroffen. Nach anfänglichen Rötungen der Haut bilden sich feine, gelblich-weiße Schuppungen und Bläschen aus, die stark jucken. Werden sie aufgekratzt, so entwickelt sich ein nässendes, verkrustetes Ekzem.
  • Im Kindergarten- und Schulalter treten die Ekzeme vor allem an Kniekehlen, Ellenbogen und Handgelenken auf. Man spricht deshalb vom Beugenekzem. Aber auch andere Körperbereiche wie Oberschenkel, Gesicht, Nacken und Oberkörper können betroffen sein. Insgesamt ist die Haut sehr trocken und zum Teil vergröbert. Bei über der Hälfte der Kinder bessert sich die Neurodermitis bis zum Schulalter, bei vielen lassen die Beschwerden später in der Pubertät nach.
  • Etwa drei bis fünf Prozent leiden noch als Erwachsene unter Neurodermitis. Ein erstmaliges Auftreten der Neurodermitis im Erwachsenenalter ist eher die Ausnahme.

Provokationsfaktoren

Es sind jedoch nicht allein die Allergene, die eine Neurodermitis auslösen oder verstärken können. Es gibt weitere Provokationsfaktoren, von denen häufi g mehrere gleichzeitig auftreten. Deshalb ist es oft schwierig und manchmal gar nicht möglich, die Auslöser zu identifi zieren, die zur Verschlechterung der Haut geführt haben. Die häufi gsten Provokationsfaktoren sind:

  • Allergene, z. B. Nahrungsmittelaller gene oder Inhalationsallergene wie Pollen, Tierhaare oder Hausstaub. Sie lösen eine Überreaktion des Immunsys tems und den Entzündungsprozess der Haut aus.
  • mechanische Reizungen, z. B. kratzende Kleidung, zu intensiver Wasser- und Seifenkontakt oder reizende Chemi kalien. Diese Reizun gen führen zu einer Belastung der ohnehin gestörten Hautbarriere.
  • Infektionen, ausgelöst durch Viren, Bakterien oder Pilze. Sie reizen das Immunsystem.
  • Klima und Jahreszeit. Extreme Temperaturen, warme, schwüle Luft im Sommer, aber auch trockene Heizungsluft können einen Schub auslösen.
  • psychische Belastungen wie Stress und Aufregung, aber auch Freude haben Einfluss auf das Immunsystem.

Juckreiz

Als besonders quälend empfi nden Betroffene den starken Juckreiz, der mit einem Krankheitsschub einhergeht. Er führt häufi g zu Schlafl osigkeit und Unruhe, vor allem aber zu heftigen Kratzattacken. Insbesondere Kindern fällt es schwer, den Juckreiz und das Bedürfnis zu kratzen zu unterdrücken. Doch das Kratzen, Scheuern oder Rubbeln der Haut verschafft nur kurzfristige Linderung. Langfristig führt es zu einer Schädigung der Haut und in der Folge zu weiteren Juckreiz attacken. Ein Teufelskreis beginnt.

Behandlungsstrategien

Die individuelle Krankheitsentwicklung und die Bandbreite möglicher auslösender Faktoren machen die Behandlung der Neurodermitis so schwierig. Zumeist sind viele einzelne Therapiemaßnahmen erforderlich, die jeweils auf den Patienten und seinen akuten Krankheitszustand zugeschnitten sind.

Um die juckenden Ekzeme in den Griff zu bekommen und ein Auffl ackern der Neurodermitis zu verhindern, ist ein gutes Hautmanagement gefragt. Dazu gehört, Provokationsfaktoren zu vermeiden, die Haut auch in beschwerdefreien Zeiten konsequent zu pflegen und frühzeitig zu reagieren, wenn erste Symptome einen Krankheitsschub ankündigen.

Creme oder Salbe?

  • Salben haben einen höheren Fett- als Wasseranteil und sind daher gut geeignet, um die Haut mit Fett zu versorgen, ihre Elastizität zu verbessern und sie vor dem Austrocknen zu schützen. Allerdings kann der Salbenfilm auf der Haut zu einem Wärmestau führen. Deshalb werden Salben im Sommer als eher unangenehm empfunden. Auch bei akuten Entzündungen sind Salben eher ungeeignet.
  • Cremes enthalten mehr Wasser als Fett und sind geschmeidiger als Salben. Sie lassen sich leicht verteilen und ziehen schnell in die Haut ein. Der höhere Wasseranteil bewirkt eine bessere Ausdunstung und Kühlung der Haut – ein angenehmer Effekt für die juckreizgeplagte Haut.

Harnstoffsalben

Harnstoff hat die Eigenschaft, Feuchtigkeit zu binden, und gehört zu den natürlichen Feuchthaltefaktoren der Haut. Man hat festgestellt, dass in der Haut von Neurodermitikern sowohl bei Erscheinungsfreiheit als auch während eines Krankheitsschubs deutlich weniger Harnstoff vorhanden ist als in gesunder Haut. Zum Ausgleich des Mangels wird deshalb Pflegepräparaten Harnstoff zugeführt. Harnstoffhaltige Salben, Cremes oder Lotionen erhöhen den Wassergehalt der Haut, machen sie geschmeidiger und verhindern ein Austrocknen. Darüber hinaus hat Harnstoff auch eine juckreizstillende Wirkung. Bei nässenden und aufgekratzten Ekzemen ist Harnstoff nicht geeignet, da an diesen Stellen ein unangenehmes Brennen auftreten kann.

Antientzündliche Therapie

Mit Hilfe der antientzündlichen Therapie wird die genetisch bedingte erhöhte Entzündungsbereitschaft der neurodermitiskranken Haut reguliert. Hier kommen wirkstoffhaltige Cremes zum Einsatz, durch die die Entzündungszeichen sowie der Juckreiz gelindert werden.

  • Kortison ist ein körpereigenes Hormon, das in den Nebennieren gebildet wird und eine ganze Reihe von lebenswichtigen Funktionen im Körper erfüllt. Außerdem hat Kortison eine stark entzündungshemmende und auch juckreizlindernde Wirkung, so dass es seit vielen Jahren in der Therapie entzündlicher Hautkrankheiten eingesetzt wird. Dank Kortison wird der Entzündungsprozess gestoppt, die Entzündungssymptome gehen zurück, der Juckreiz hört auf. Die Kehrseite der Medaille ist eine Reihe möglicher Nebenwirkungen, die man heutzutage – dank konsequenter Weiterentwicklung der Präparate und verbesserter Therapieschemata – allerdings gut kontrollieren kann. Moderne Kortisoncremes haben ein sehr günstiges Wirkungs-Nebenwirkungs- Profi l, und die gefürchteten Nebenwirkungen wie z. B. Äderchenbildung, Hautverdünnung und vermehrte Behaarung treten vor allem bei Langzeittherapie oder unsachgemäßem Gebrauch auf. An bestimmten Körperregionen sollte Kortison möglichst gar nicht oder nur sehr zurückhaltend angewandt werden. Dies gilt bei der Behandlung von Ekzemen im Gesicht, insbesondere an den Augenlidern, sowie im Genitalbereich.
  • Topische Calcineurininhibitoren sind Salben und Cremes, deren Wirkstoffe die Entzündung der Haut lindern, indem sie die Aktivität bestimmter Immunzellen regulieren. Diese Wirkstoffe, die seit dem Jahr 2002 für Patienten ab dem Alter von 2 Jahren zugelassen sind und in vielen Studien an Tausenden von Patienten geprüft wurden, gelten als sicher und gut verträglich. Topische Calcineurininhibitoren haben gegenüber Kortison den entscheidenden Vorteil, dass sie auch für empfindliche Hautregionen gut geeignet sind und es weder eine Beschränkung hinsichtlich der Größe der zu behandelnden Hautfläche noch eine Begrenzung bei der Dauer der Therapie gibt. Als Begleiterscheinung kann es bei der ersten Anwendung zu einem Brennen und Wärmegefühl kommen – das ist normal und geht in den meisten Fällen wieder zurück. Nach Alkoholgenuss kann ebenfalls eine kurzzeitige Überwärmung und Rötung des Gesichts auftreten. Außerdem muss die Haut unbedingt vor der Sonne geschützt werden.

Das Risiko für Neugeborene, eine Atopie zu entwickeln, hängt von der Atopievorbelastung in der Familie ab.

Proaktive Therapie

Das bedeutet, dass im Anschluss an die antientzündliche Therapie, die das Ekzem zum Abklingen bringt, die Therapie in einer niedrigen Dosierung fortgeführt wird. Auf diese Weise werden bereits minimale Entzündungsreaktionen unterbunden und das volle Aufblühen des Ekzems kann zumeist verhindert werden.

Dank des geringen Risikos an Nebenwirkungen und der damit gegebenen Möglichkeit einer Langzeit- oder sogar Dauertherapie erlauben topische Calcineurininhibitoren ein sogenanntes proaktives Behandlungskonzept (siehe Kasten). Verschiedene Studien und Anwendungsbeobachtungen belegen die Wirksamkeit der proaktiven Therapie. Die Erkrankung wird gut kontrollierbar und über die Zeit reduziert sich der Schweregrad. Es treten deutlich weniger Ekzemschübe auf, der Hautzustand verbessert sich und damit steigt die Lebensqualität der Patienten insgesamt.

Sollte in Ihrer Familie eine Veranlagung zur Neurodermitis bestehen, sprechen Sie Ihren Hautarzt darauf an.